Frauengesundheit als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor
In einer Arbeitswelt, die durch den demografischen Wandel und einen zunehmenden Fachkräftemangel geprägt ist, wird die gezielte Förderung der Frauengesundheit für österreichische Unternehmen zu einem zentralen Hebel, um Arbeitsfähigkeit zu sichern und Personal langfristig zu binden. Auf die spezifischen Aspekte der Frauengesundheit sollte gezielt eingegangen werden, um die positiven Effekte von Betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM) voll auszuschöpfen und gesundheitlichen Problemen frühzeitig vorzubeugen.
Frauen machen mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung aus und sind mit einer gestiegenen Erwerbsbeteiligung von rund 70 Prozent eine unverzichtbare Ressource für das Wirtschaftsleben. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen (48 Prozent) arbeitet in Teilzeit. Während Männer in der Vergangenheit höhere Fehlzeiten aufwiesen, verbringen Frauen heute rund 10 % mehr Tage im Krankenstand. [1] Ein wesentlicher Teil dieser Ausfälle ist auf psychische Belastungen zurückzuführen. Diese entstehen oft durch die Doppelbelastung von Beruf und unbezahlter Sorgearbeit zu Hause.
Diese Zahlen unterstreichen die Relevanz, präventive Maßnahmen systematisch an den Bedürfnissen von Frauen auszurichten. Dadurch profitieren Betriebe von sinkenden Krankenständen, geringerer Fluktuation und dem Erhalt von Erfahrungswissen langjähriger Mitarbeiterinnen.
1. Die soziale Dimension: Care-Arbeit, Gewalt und verharmloste Gefahren [2]
Die Gesundheit von Frauen in Österreich wird wesentlich durch das Zusammenspiel biologischer Faktoren mit individuellen, gesellschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen beeinflusst. Frauen übernehmen weiterhin den überwiegenden Anteil der unbezahlten Versorgungsarbeit für Kinder, Haushalt und pflegebedürftige Angehörige. Laut Daten wenden sie 2,4-mal so viel Zeit für Fürsorgearbeit auf wie Männer. Eine aktuelle Zeitverwendungserhebung zeigt, dass Frauen – unter Berücksichtigung bezahlter und unbezahlter Arbeit – insgesamt deutlich mehr arbeiten als Männer.
Diese dauerhafte Mehrfachbelastung führt häufig zu physischen und psychischen Überlastungen, die sich direkt im Krankheitsgeschehen widerspiegeln. Hinzu kommen spezifische berufliche Belastungen in frauendominierten Branchen, etwa der „Freundlichkeitsdruck“ im Dienstleistungssektor. Frauen verzeichnen in Österreich mittlerweile doppelt so viele Krankenstandstage aufgrund psychischer Störungen wie Männer. Auffällig ist zudem, dass 46 % der unbefristeten Invaliditätspensionen von Frauen auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind (bei Männern: 26 %).
Folgende Maßnahmen können zu Entlastungen führen:
- Gleitzeitmodelle mit flexiblem Arbeitsbeginn und -ende, welche an familiäre Verpflichtungen angepasst werden können;
- frühzeitige Dienstplanerstellung bei Schichtarbeit für bessere Planbarkeit;
- Aktive Befürwortung von Väterkarenz, Papa-Monat und Pflegefreistellungen für Väter
- Betriebliche Kinder- und Ferienbetreuung
Ein weiteres Risiko stellen Gewalt- und Belästigungserfahrungen dar. Besonders im Gesundheitswesen und im Handel sind Frauen häufiger körperlicher und psychischer Gewalt durch Kunden, Patienten oder Klienten ausgesetzt. 35 % der Frauen in Österreich haben bereits sexuelle Belästigung erlebt, etwa ein Drittel davon am Arbeitsplatz. [3] Die gesundheitlichen Langzeitfolgen – etwa Depressionen, Angststörungen oder Traumata – gefährden die Arbeitsfähigkeit nachhaltig.
- Frauenspezifische Gesundheitszirkel bieten hier einen wichtigen Ansatz. Als moderierte Arbeitsgruppen schaffen Gesundheitszirkel geschützte Räume, um auch tabuisierte Themen wie sexuelle Belästigung, Mobbing oder die Doppelbelastung offen anzusprechen und Lösungen zu entwickeln.[2]
Externe Unterstützung für Betriebe und Mitarbeiter:innen zum Thema sexuelle Belästigung bietet z.B. die kostenlose und anonyme Hotline Act4Respect.
Hinzu kommt, dass frauendominierte Branchen häufig als ungefährlich gelten, da keine akute Unfallgefahr besteht. Dabei werden Arbeitsbedingungen übersehen, die zu chronischen Erkrankungen führen können. So wird im Reinigungsbereich bei der Fenster- und Fassadenreinigung großer Wert auf Sicherheitsvorkehrungen gelegt, während im Innenbereich – wo überwiegend Frauen tätig sind – Haut- und Atemwegsbelastungen durch aggressive Reinigungsmittel nicht im gleichen Ausmaß als gefährlich wahrgenommen werden, auch wenn auch hier längerfristige Belastungen gesundheitliche Schäden auslösen können. Auch repetitive Bewegungsabläufe führen zu Belastungen des Muskel-Skelett-Systems. Während in männerdominierten Branchen wie der Industrie Hebe- und Tragehilfen häufig eingesetzt werden, ist dies im Gesundheits- und Sozialbereich seltener der Fall. In der mobilen Pflege fehlen technische Hilfsmittel oft oder werden aufgrund von Zeitdruck kaum genutzt. Ein weiteres Beispiel ist die pädagogische Arbeit mit Kindern, die unter anderem mit hoher Lärmbelastung einhergeht. Diese Risiken werden häufig unterschätzt und Schutzmaßnahmen nicht ausreichend umgesetzt – mit Auswirkungen auf krankheitsbedingte Fehlzeiten von Mitarbeiterinnen.
2. Die biologische Realität: Menstruation, Endometriose & Menopause [4]
Repräsentative Daten für Österreich zeigen: 67 Prozent der befragten Mädchen und Frauen leiden regelmäßig unter Schmerzen und 55% nehmen monatlich Schmerzmittel ein, um den Arbeitsalltag bewältigen zu können. Besonders gravierend ist die Situation bei Endometriose, einer chronischen gynäkologischen Schmerzerkrankung: Jede 15. Frau ist betroffen. Bis zur Diagnose vergehen in Österreich jedoch durchschnittlich 6,6 Jahre. Dies verdeutlicht, dass medizinische Forschung und Versorgung Frauen noch immer unzureichend berücksichtigen.
Auch die Wechseljahre (Menopause) sind kein Randphänomen in der Arbeitswelt, da das durchschnittliche Alter der letzten Blutung bei 49 Jahren liegt und auch schon deutlich früher auftreten kann. 98 Prozent der Frauen in den Wechseljahren berichten über Beschwerden wie Hitzewallungen (46 %) oder Schlafstörungen (30 %) und rund ein Drittel empfindet diese als erhebliche Belastung. [4] Viele Frauen sprechen aus Sorge, als weniger leistungsfähig oder belastbar wahrgenommen zu werden, nicht offen über ihre Situation, was das Stresslevel weiter erhöhen kann.
Einfache betriebliche Maßnahmen zur Entlastung sind: [5], [4]
- Bereitstellung von Ventilatoren und Lüftungsmöglichkeiten
- Individuelle Anpassung der Raumtemperatur
- Flexible Arbeitszeiten sowie flexible Pausenregelungen
- Atmungsaktive Stoffe bei Dienstkleidung
- Ruheräume für kurze Regenerationsphasen
- Ein offener, sachlicher Umgang mit dem Thema
3. Strategien für die Praxis: Drei Hebel für mehr Frauengesundheit [2], [5]
Ein effektives BGM muss über punktuelle Maßnahmen hinausgehen und die Kategorie „Geschlecht“ systematisch in alle betrieblichen Prozesse integrieren. Maßnahmen können in alle drei Handlungsfelder des BGM – Arbeitnehmer:innenschutz, Betriebliche Gesundheitsförderung und Betriebliches Eingliederungsmanagement – gesetzt werden. Die drei Hebel Verhältnisse, Verhalten und Führung sollten bei der Planung besonders bedacht werden.
Hebel 1: Verhältnisse (Arbeitsbedingungen & Arbeitsorganisation)
Dieser Hebel setzt direkt an der Gestaltung der Arbeitsumgebung und -organisation an, um Belastungen präventiv zu reduzieren:
- Ergonomische Anpassung: Passen Sie die Arbeitsmittel und Werkzeuge (z. B. Tastaturen, Greifzangen oder Messer) sowie die persönliche Schutzausrüstung (PSA) an die physischen Voraussetzungen von Frauen an (Stichwort: etwa kleinere Hände oder Körpergrößen).
- Führungsspannen: In frauendominierten Berufen sind Führungskräfte oft für sehr große Teams verantwortlich (z. B. eine Stationsleitung für 30 Pflegekräfte). Überprüfen Sie die Arbeitsorganisation, eine Verkleinerung der Führungsspannen ermöglicht eine bessere individuelle Betreuung und entlastet die Mitarbeiterinnen.
Hebel 2: Verhalten (Individuelle Stärkung)
Hier geht es vor allem darum, die Gesundheitskompetenz der Mitarbeiterinnen zu stärken, damit sie informierte Entscheidungen treffen können:
- Qualifizierung: Spezifische Angebote zur Stressbewältigung und zum Zeitmanagement adressieren die psychischen Belastungen durch die Doppelbelastung. In frauendominierten Branchen wie dem Gesundheits- und Sozialwesen helfen Qualifizierungen z.B. dabei, gesunde Grenzen in der Interaktion mit Klienten oder Patienten zu setzen.
- Niederschwellige Anlaufstellen: Ansprechpersonen für Frauengesundheitsthemen (z.B. Ausbildung von Gesundheitsmultiplikatorinnen oder Menopause-Beauftragten)
Hebel 3: Führung & Kultur
Führungskräfte sind die zentralen Gestalter der Organisationskultur und fungieren als Vorbilder:
- Lebensphasenorientierung: Sensibilisierung für lebensphasenorientierte Führung, um individuelle Lösungen wie flexible Arbeitszeitmodelle zu ermöglichen.
- Transparenter und offener Umgang mit psychischen Belastungen: Klare betriebliche Verfahren und deren Anwendung im Umgang mit Konflikten, Diskriminierung und Belästigung.
- Strukturierter Umgang mit Erkrankungen: Mitarbeitende mit gesundheitlicher Beeinträchtigung oder nach langen Krankenständen (z. B. (Brust-)Krebs) können unter anderem durch angepasste Arbeitslast dabei unterstützt werden, ihre Arbeitsfähigkeit langfristig wiederherzustellen und zu erhalten.
Kostenlose Beratung und Unterstützung für Unternehmen
Sie möchten Betriebliches Gesundheitsmanagement in Ihrem Unternehmen auf- oder ausbauen? In ganz Österreich gibt es kostenlose Unterstützungsangebote. Wer die richtige Ansprechpartnerinnen oder der richtige Ansprechpartner in Ihrer Region bei Fragen zum Arbeitnehmer:innenschutz, der Betrieblichen Gesundheitsförderung und dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement ist, erfahren Sie im BGM-Check. fit2work bietet die Möglichkeit, eine solche BGM-Standortbestimmung gemeinsam mit erfahrenen Beraterinnen und Beratern durchzuführen.
Bis Ende März werden auf unserer Website spezifische Angebote für Betriebe zum Thema Frauengesundheit vorgestellt. Schauen Sie bald wieder vorbei oder melden Sie sich zu unserem Newsletter an, um alle Angebote gesammelt in Ihrem Posteingang zu erhalten.
Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz
Abteilung IX/A/2 - Schnittstelle Beschäftigung-Gesundheit-Alterssicherung, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
[1] Österreichischer Fehlzeitenreport 2025. Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (2025).
[2] Handbuch Betriebliche Frauengesundheitsförderung – Ansätze, Methoden und Umsetzungshilfen. Hrsg.: Büro für Frauengesundheit und Gesundheitsziele in der Abteilung Strategische Gesundheitsversorgung der Stadt Wien. (2020)
[3] Aktionsplan Frauengesundheit – 40 Maßnahmen für die Gesundheit von Frauen in Österreich. Hrsg.: Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2018).
[4] Menstruationsgesundheitsbericht 2024. Hrsg.: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) (2024).
[5] Menstruation, menstrual health and menopause in the workplace – Guide. The British Standards institution (2023).