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Frühzeitige Prävention – Männergesundheit stärken

Psychische Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung für Leistungs- und Einsatzfähigkeit. Gerade bei Männern werden Belastungen jedoch nicht immer frühzeitig angesprochen und Hilfsangebote teilweise erst spät genutzt. Im Österreichischen Bundesheer (ÖBH) sind deshalb frühzeitige Prävention, Kameraden- und Peerhilfe sowie niederschwellige professionelle Unterstützungsangebote besonders bedeutsam.

Männergesundheit braucht einen eigenen Blick
Männergesundheit umfasst weit mehr als körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit. Aus gesundheitspsychologischer Perspektive geht es ebenso darum, psychische Ressourcen zu stärken, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und gesundheitsförderliches Verhalten – einschließlich der Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen – zu fördern.

Dabei zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist darauf hin, dass Männer bei psychischen Problemen seltener professionelle Hilfe in Anspruch nehmen als Frauen und zugleich deutlich häufiger durch Suizid versterben. Als mögliche Barrieren für die Hilfesuche werden u.a. traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit wie Selbständigkeit, Selbstkontrolle oder das Zurückhalten von Emotionen beschrieben. Diese Eigenschaften sind nicht grundsätzlich problematisch – gerade im militärischen Kontext können Belastbarkeit, Selbstkontrolle, Verantwortungsübernahme und Handlungsorientierung wichtige Ressourcen darstellen. Kritisch kann es jedoch werden, wenn „Durchhalten“ bedeutet, Warnsignale zu ignorieren oder notwendige Hilfe und Unterstützung erst sehr spät anzunehmen.

Für eine wirksame Männergesundheitsförderung bedeutet dies: Prävention muss Männer dort erreichen, wo Belastungen entstehen, niederschwellig zugänglich sein und Hilfeholen als Ausdruck verantwortungsvollen Handelns vermitteln.

Stellungsuntersuchung: Prävention, die junge Männer erreicht
Eine einzigartige Chance für die frühzeitige Männergesundheit bietet die Stellungs-Untersuchung. Als nahezu flächendeckender Gesundheitscheck einer männlichen Alterskohorte erreicht sie junge Männer in einer Lebensphase, in der Vorsorge- und Präventionsangebote häufig noch wenig genutzt werden. Gerade weil Männer gesundheitsbezogene Unterstützungsangebote tendenziell seltener bzw. später in Anspruch nehmen, eröffnet die Stellung ein wertvolles Präventionsfenster: Gesundheitsrisiken können frühzeitig erkannt, Gesundheitsbewusstsein gefördert und bei Bedarf weiterführende Maßnahmen angeregt werden. Zugleich liefern die über Jahre erhobenen Gesundheitsdaten wichtige epidemiologische Erkenntnisse über gesundheitliche Entwicklungen junger Männer. Damit entfaltet die Stellungsuntersuchung präventiven Nutzen gleich auf zwei Ebenen – individuell für den einzelnen jungen Mann und gesellschaftlich als Grundlage für zielgerichtete Präventionsmaßnahmen.

Belastungsübung 2026, Foto:BMLV/HBF

Früh weiter ansetzen – besonders zu Beginn des Grundwehrdienstes
Eine besondere Bedeutung kommt den ersten Wochen und Monaten des Grundwehrdienstes zu. Der Eintritt in das ÖBH ist mit zahlreichen Veränderungen verbunden: ein neues soziales Umfeld, klare Hierarchien und Regeln, körperliche und psychische Anforderungen, die Trennung vom gewohnten Umfeld und die Integration in eine neue Gemeinschaft.

Gerade in dieser Phase sollte psychische Gesundheitsförderung selbstverständlich in Ausbildung und Führung integriert sein. Dazu gehören Informationen über normale Stressreaktionen ebenso wie das Wissen darüber, woran psychische Überlastung erkennbar ist und an wen man sich wenden kann. Führungskräfte und Kameradinnen und Kameraden haben hierbei eine wichtige Funktion: Veränderungen wahrnehmen, ansprechen und frühzeitige professionelle Unterstützung vermitteln.

Suizidprävention als besondere Verantwortung
Besondere Bedeutung erhält dieser Ansatz im Bereich der Suizidprävention. Männer weisen ein erhöhtes Risiko für vollendete Suizide auf. Für Streitkräfte kommt ein weiterer sicherheitsrelevanter Faktor hinzu: Soldatinnen und Soldaten können im Rahmen ihres Dienstes Zugang zu Waffen haben. Aus der Suizidprävention ist bekannt, dass die Begrenzung des Zugangs zu potenziell tödlichen Mitteln bei akuter Gefährdung eine wesentliche präventive Maßnahme darstellt.

Suizidprävention beim ÖBH verbindet daher mehrere Ebenen miteinander: Gesundheitskompetenz und Sensibilisierung, Entstigmatisierung psychischer Krisen, das frühzeitige Erkennen von Warnsignalen, niederschwellige Hilfsangebote, professionelle Krisenintervention sowie bei konkreter Gefährdung konsequente Schutzmaßnahmen. Entscheidend ist eine Organisationskultur, in der psychische Krisen nicht mit persönlichem Versagen oder mangelnder militärische Belastbarkeit gleichgesetzt werden.

Gerade für Männer kann folgende Botschaft hilfreicher sein: Hilfe frühzeitig anzunehmen bedeutet, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen!

Kameradschaft als Ressource
Eine besondere Ressource im ÖBH ist die Kameradschaft. Kameradinnen und Kameraden erleben einander im Alltag und können Veränderungen häufig früh wahrnehmen: sozialen Rückzug, ungewöhnliche Gereiztheit, Hoffnungslosigkeit, deutliche Leistungseinbrüche oder auffällige Veränderungen im Verhalten.

Das ÖBH greift diesen Gedanken u.a. mit der Selbst- und Kameradenhilfe auf. Dabei wird Kameradschaft selbst zu einem Bestandteil der Prävention: hinschauen statt wegsehen, ansprechen statt schweigen und weiterführende Unterstützung ermöglichen.

Gruppe Gefechtsbesprechung, Foto:BMLV/HBF

Notfallpsychologie / Krisenintervention / Peersystem
Neben kontinuierlicher Prävention und Gesundheitsförderung braucht das ÖBH zudem Strukturen für außergewöhnlich belastende Ereignisse. Schwere Unfälle, Todesfälle, Gewalterfahrungen oder belastende Einsatzereignisse können auch psychisch hoch belastbare Menschen vorübergehend an ihre Grenzen bringen. 

Notfallpsychologische Maßnahmen setzen unmittelbar nach solchen Ereignissen an. Hierfür stehen Notfallpsychologinnen und Notfallpsychologen rund um die Uhr als Akutbetreuende im Krisenfall vor Ort bereit. Sie unterstützen Betroffene und Führungskräfte dabei, akute Reaktionen einzuordnen, Sicherheit und Orientierung wiederherzustellen und jene Personen zu identifizieren, die weiterführende Unterstützung benötigen. Frühzeitige Hilfe kann dazu beitragen, Chronifizierungen vorzubeugen und die individuelle wie organisationale Handlungsfähigkeit zu unterstützen.

Mit dem „Peer-System“ beim ÖBH wird psychosoziale Ersthilfe geleistet. Peers sind Kameradinnen und Kameraden sowie Kolleginnen und Kollegen, die eine spezielle Ausbildung im Bereich Notfallpsychologie und Krisenintervention absolviert haben. Sie können in Abstimmung mit Militärpsychologinnen und Militärpsychologen unmittelbar psychosoziale Erste Hilfe leisten und die Verbindung zu Führungskräften und professionellen Unterstützungssystemen herstellen.

Hilfe muss erreichbar sein – 24/7 Psychologisches Helpline-Service (PsychHLS)
Neben persönlichen Unterstützungsnetzwerken braucht wirksame Prävention leicht erreichbare professionelle Angebote. Das ÖBH verfügt mit dem PsychHLS des Heerespsychologischen Dienstes (HPD) über eine 24/7 anonyme, vertrauliche und niederschwellige telefonische Anlaufstelle. Dabei ist die telefonische Erstbetreuung in ein breiteres Unterstützungsnetz eingebettet, dem u.a. Militärpsychologinnen und Militärpsychologen sowie speziell ausgebildete Peers angehören. Ziel ist es, Betroffene zu stabilisieren, vorhandene Bewältigungsressourcen zu aktivieren und bei Bedarf weiterführende professionelle Unterstützung einzuleiten. Gerade in Krisen- und Belastungssituationen ist es wichtig, rechtzeitig Unterstützung zu holen.

Männergesundheit als Teil militärischer Präventionskultur
Männergesundheit im ÖBH bedeutet nicht, Männer grundsätzlich als vulnerabler zu betrachten. Vielmehr geht es um eine geschlechtersensible Prävention, die berücksichtigt, wie Belastungen wahrgenommen und kommuniziert werden und welche Faktoren die Inanspruchnahme von Unterstützung erleichtern oder erschweren können.

Eine moderne Präventionskultur verbindet deshalb Gesundheits- und Genderkompetenz, Führung, Kameradschaft und professionelle psychologische Unterstützung. Sie vermittelt bereits zu Beginn des militärischen Dienstes: Belastungen gehören zum Leben und zum Dienst – entscheidend ist der professionelle Umgang damit.

Psychische Gesundheit zu schützen bedeutet letztlich auch, Einsatzfähigkeit zu schützen. Und dieser Schutz beginnt mitunter mit einem einfachen, aber entscheidenden Schritt: hinschauen, ansprechen und rechtzeitig Hilfe holen.

 

Österreichisches Bundesheer | Heerespsychologischer Dienst
Mag.a Birgit Schlatzer | Arbeitspsychologin
Dr. Christoph Kabas | Leiter der Abteilung Prävention, Arbeitspsychologe

Fotos:BMLV/HBF