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Männliche Stereotype bei der Arbeit

Bestimmte Männlichkeitsbilder können die Männergesundheit negativ beeinflussen und auch für die Gesundheit im Betrieb relevant werden. Zum Beispiel durch das Herunterspielen und Bagatellisieren von inhärenten Risiken am Arbeitsplatz. Durch geeignete Vorbilder, insbesondere auch für junge Männer, können hingegen deutliche Verbesserungen für die Gesundheit im Betrieb gelingen.

Männergesundheit ist nicht nur durch biologische, sondern auch durch psychologische und soziale Faktoren bestimmt (siehe Abbildung 1). 

Abbildung 1: Bio-Psycho-Soziales Modell der Gesundheit

Insbesondere bei Letzteren gibt es Unterschiede zwischen „typisch“ weiblicher und männlicher Sozialisation. Bestimmte Männlichkeitsbilder können die Männergesundheit negativ beeinflussen und auch für die Gesundheit im Betrieb relevant werden. Beispielsweise durch leichtsinniges Umgehen von Arbeitsschutzmaßnahmen, Bagatellisierung von Gefahren und das generelle Vorherrschen einer Machokultur in der Organisation. Ständiges Dominanzstreben, im Sinne einer „hegemonialen Männlichkeit“, kann dazu führen, dass Männer nicht ausreichend Selbstfürsorge betreiben, sich Gesundheitsprobleme nicht eingestehen, sich gegenseitig mehr als nötig unter Druck setzen und erst Hilfe holen, wenn gar nichts mehr geht. Ob bei psychischen Erkrankungen, wie arbeitsbedingter Depression, Suchterkrankungen oder auch bei körperlichen Problemen wie Bluthochdruck und Rückenschmerzen. Zudem kann das Risikoverhalten im Vergleich zu Frauen durchschnittlich erhöht sein, was Arbeitsunfälle und versehentliche Gefahrenstoffexposition wahrscheinlicher machen kann. Dazu passend folgende Statistiken:

  • In Österreich liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt bei rund 79,4 Jahren für Männer und 84,2 Jahren für Frauen (Statistik Austria).
  • In Deutschland kosten Männer 63 Milliarden € (1,5% des BIP) mehr als Frauen (nur Überkosten). Auf Österreich gerechnet wären das etwa 7 Milliarden Euro jährlich! Gründe sind z.B. Spiel- und Drogensucht, Verkehrsunfälle, Diebstähle, Hooliganismus, Wirtschaftskriminalität, Gefängnisaufenthalte und häusliche Gewalt (Aussage von Boris von Heesen). Das Geld fließt beispielsweise in die medizinische und psychologische Versorgung, in die Arbeit von Polizei und Justiz sowie in Frauenhäuser. Hinzu kommen Kosten durch Wirtschaftskriminalität. 
  • Männer sterben dreimal bis viermal so häufig durch Suizid wie Frauen. 2024 waren es 1026 Männer und 305 Frauen (gesundheit.gv.at).
  • Männertypische Berufe gehen oftmals mit sozialer Isolation, Trennung von der Familie und großer Verletzungsgefahr einher. Dies kann zu einem erhöhten Risiko für Arbeitsunfähigkeit, Alkoholsucht oder Drogensucht sowie posttraumatischem Stress führen. Auch die Suizidgefahr kann dadurch erhöht sein.

Daraus ergibt sich eine Notwendigkeit bei der „Gesundheit im Betrieb“ geschlechterreflexiv vorzugehen. Zur Veranschaulichung bietet es sich an, die Baubranche näher zu betrachten. Diese Branche hat mit ca. 314.000 Arbeitnehmer:innen (Stand 09/2025) und über 90% Männeranteil keinen unwesentlichen Einfluss auf die Männergesundheit in Österreich. Diese klassische Männerbranche beinhaltet neben einer überdurchschnittlich hohen, körperlichen Belastung auch zahlreiche Herausforderungen aus dem Bereich Psyche. Bei Baustellen kann Wettbewerbsdruck und sehr knapp kalkuliertes Budget schnell zu gesundheitsschädlichem Arbeitsdruck führen. Während die ökonomischen Implikationen natürlich berücksichtigt und Bauprojekte sinnvoll umgesetzt werden müssen, muss eines ganz klar sein: Wettbewerbsvorteile dürfen keinesfalls durch die Vernachlässigung des Arbeitsschutzes entstehen!

Während Arbeitsschutzstandards bei etablierten, leitenden Bauunternehmen meist strukturiert verfolgt werden, kann es bei der Koordination mit Sub-Unternehmen oder Sub-Sub-Unternehmen gehäuft zu Mängeln kommen. Nicht selten treffen gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen, z.B. aufgrund von Hitze, Lärm, Staub, Arbeitsdruck, mangelnder Arbeitsvorbereitung, mangelnder interner Kommunikation und Koordination, auf vulnerable Arbeitnehmer, die nicht selten zusätzlich mit Arbeitsplatzunsicherheit und sprachlichen Barrieren konfrontiert sind. Außerdem wollen sich viele, vorwiegend migrantische Arbeitnehmer, ihren Arbeitgeber:innen gegenüber loyal verhalten und halten deshalb gefährliche Arbeitsbedingungen oftmals aus, anstatt diese zu melden. Das Herunterspielen und Bagatellisieren von inhärenten Risiken in der Baubranche, auch aufgrund vorherrschender Vorstellungen von Männlichkeit, kann einem wirksamen Gesundheitsschutz sowie einer Gesundheitsförderung zusätzlich entgegenstehen.

Die gute Nachricht: Das muss nicht so sein. Durch Etablierung niederschwelliger, anonymisierter, „Bottom-Up“-Kommunikationskanäle (z.B. via QR-Code in mehreren Sprachen oder Bau-App) können Gesundheitsgefahren im Moment des Entstehens gemeldet und an der Wurzel gepackt werden. Bauunternehmen, die solch ein Meldeverhalten incentivieren und die das betriebliche Gesundheitsmanagement wirksam umsetzen, können einen wesentlichen Beitrag zur längerfristigen Männergesundheit leisten. Geeignete Vorbilder können außerdem, insbesondere für junge Männer, bedeutsame Verbesserungen bringen, indem sie fürsorgliche Männlichkeit vermitteln. U.a. geprägt durch Verantwortungsübernahme, Selbstfürsorge, soziale sowie emotionale Kompetenz als auch durch ein gewaltfreies Gerechtigkeitsstreben.

Zentral-Arbeitsinspektorat
Geronimo Grieger, BSc MSc | Arbeits- und Gesundheitspsychologe