Ein Blick auf die demografische Realität
Die nackten Zahlen der Statistik Austria sprechen eine klare Sprache: Die Lebenserwartung von Frauen in Österreich liegt aktuell bei 84,3 Jahren, während Männer im Schnitt nur 79,8 Jahre erreichen. Noch deutlicher wird das Defizit bei den gesunden Lebensjahren: Hier kommen österreichische Männer auf lediglich rund 63 Jahre – ein Wert, der signifikant unter dem EU-Durchschnitt liegt. Doch woran liegt es, dass Männer statistisch gesehen früher sterben und weniger gesunde Lebenszeit verbringen (www.statistik.at, 14.08.2026)?
Das Paradoxon: Seltener in ärztlichen Behandlung, aber häufiger krank
Männer und Frauen weisen grundlegend unterschiedliche Gesundheitsrisiken auf, zeigen ein differenziertes Verhalten und auch Krankheitsverläufe gestalten sich geschlechtsspezifisch. In der Praxis präsentiert sich ein besorgniserregendes Paradoxon: Männer gehen deutlich seltener zur Ärztin oder zum Arzt, sind jedoch statistisch gesehen häufiger schwer krank. Der Trend zur Vorsorge bleibt trotz jahrelanger Sensibilisierungskampagnen auf einem besorgniserregend niedrigen Niveau. Im Jahr 2022 nahmen gerade einmal 12 Prozent der männlichen Bevölkerung eine offizielle Vorsorgeuntersuchung in Anspruch (Klimont & Prammer-Waldhör, 2020).
Der Lebensstil im direkten Geschlechtervergleich
Die Ursachen für die geringere Lebenserwartung und die Defizite in der Gesundheit sind eng mit dem alltäglichen Lebensstil und einer nachweislich geringeren Gesundheitskompetenz verknüpft. Daten des Österreichischen Gesundheitsberichts verdeutlichen diese Diskrepanz:
- Übergewicht: 59 Prozent der Männer sind davon betroffen, im Vergleich zu 42 Prozent der Frauen.
- Tabakkonsum: Jede fünfte Person ab 15 Jahren raucht täglich. Männer greifen dabei deutlich häufiger zur Zigarette (23,5 %) als Frauen (17,8 %).
- Alkoholkonsum: 9 Prozent der Männer konsumieren fast täglich Alkohol, bei den Frauen sind es lediglich 3 Prozent.
- Ernährung: Nur 25 Prozent der Männer essen täglich Obst und Gemüse, während es bei den Frauen 41 Prozent sind.
Interessanterweise bewegen sich Männer mit 26 Prozent etwas häufiger ausreichend als Frauen (20 %). Dennoch achten sie insgesamt wesentlich weniger auf ihren eigenen Körper, nehmen seltener an Gesundheitsförderungsangeboten teil und meiden oft auch die konsequente Einnahme notwendiger Medikamente (BMSGPK, 2026).
Männergesundheit im Kontext von BGF und BGM
Um diese Schieflage nachhaltig zu korrigieren, muss das Thema in der Arbeitswelt – dem Ort, an dem Männer einen Großteil ihrer Zeit verbringen – verankert werden. Hier kommt die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) sowie das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) ins Spiel. Bis dato orientieren sich praktische Maßnahmen selten an Genderspezifika, obwohl die theoretischen Ansätze der Literatur bereits weit fortgeschritten sind. Da „Geschlecht“ eine strukturelle Kategorie darstellt, reicht es nicht aus, isolierte Einzelmaßnahmen anzubieten. Eine wirksame, gendersensible BGF erfordert im ersten Schritt die systematische Sichtbarmachung geschlechtsspezifischer Belastungen. Dies gelingt über differenzierte Datenerhebungen und Auswertungen im Betrieb. Nur so lassen sich im Anschluss zielgerichtete Maßnahmen entwickeln und von der Planung bis zur Evaluation messbar bewerten (Gaiswinkler, 2020).
Fazit und Empfehlung
Traditionelle Gesundheitskampagnen scheitern oft an veralteten Rollenbildern oder der männlichen Tendenz, Symptome schlichtweg zu ignorieren. Um Männer effektiv zu erreichen, müssen Botschaften direkt an ihre spezifische Lebensrealität angepasst werden, das gelingt der BVAEB immer stärker über den wichtigen partizipativen Ansatz in den stringent betreuten BGF-Prozessen. In diesem Kontext ist auch eine Steuerung über die Betriebsverantwortlichen essenziell.
Frei nach Molière gilt: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“
Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau
Dir. Rätin Martina Petracek-Ankowitsch, BA, MSc | Abteilungsleiterin der Hauptstellenabteilung Unfallverhütung und Gesundheitsförderung in der BVAEB
Literatur:
- BMSGPK (2026). Österreichischer Gesundheitsbericht 2022. https://www.sozialministerium.gv.at/dam/jcr:2d34f74b-4638-4b37-bfce-85dbf12482eb/%C3%96sterr.Gesundheitsbericht 2022.pdf [Abruf am 12.08.2026]
- Gaiswinkler, S. (2020). Gendersensible Betriebliche Gesundheitsförderung. Kriterien aus der Literatur und Beispiele aus der Praxis. Wissen 16. GÖG/FGÖ - Gesundheit Österreich GmbH.
- Klimont, J. & Prammer-Waldhör, M. (2020). Soziodemographische und sozioökonomische Determinanten von Gesundheit. STATISTIK AUSTRIA im Auftrag des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK).
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